Risiko Glyphosat

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Glyphosat in Muttermilch, Bier, Lebensmittel oder auf dem Acker – gegenwärtig wird intensiv über das weltweit am häufigsten verwendete Totalherbizid diskutiert und gestritten. Kaum ein anderes Spritzmittel setzt der natürlichen Artenvielfalt so zu wie Glyphosat. Außerdem sind die sich mehrenden Beweise der durch das Herbizid provozierten Gesundheitsschäden für Mensch und Tier nicht von der Hand zu weisen. Ein wichtiger Anlass ist die Frage, mit der sich die Europäsche Union beschäftigt: soll Glyphosat für weitere 15 Jahre zugelassen werden?

Text von Carla Hunting

Totalherbizid mit universeller Verwendung

(Folgender Abschnitt basiert auf Quelle 1, S. 1-9, S. 41)

Glyphosat ist eine saure niedermolekulare Verbindung, welche in Form von Salzen oder Granulaten produziert wird. Erstmals wurde es im Jahre 1950 hergestellt, circa 20 Jahre später entdeckte man seine Eigenschaft als Totalherbizid: unspezifisch tötet Glyphosat alle Pflanzenarten ab oder hemmt zumindest deren Wachstum. Dessen Wirkungsweise beruht auf der Hemmung eines nur in Pflanzen vorkommenden Enzyms, welches für die Synthese bestimmter Aminosäuren (=den Bausteinen von Proteinen) zuständig ist. Daraus ergeben sich zahlreiche Anwendungsgebiete, unter anderem:

- Landwirtschaft: bei Verwendung herkömmlichen Saatguts müssen sich Bauern nach der Ernte auf eine Vorbehandlung des Feldes mit dem Herbizid beschränken, ansonsten würden auch die Nutzpflanzen nach der Keimung vernichtet. Seit 1996 eingeführtes (in Europa jedoch nicht angebautes) transgenes Saatgut ist oft glyphosatresistent, wodurch der Glyphosat-Einsatz auch in der Periode zwischen Wachstum und Ernte üblich geworden ist. Vor allem Soja, Mais, Baumwolle und Raps werden dahingehend gentechnisch manipuliert und triggern weiterhin die Produktionssteigerung von Glyphosat weltweit. Jedoch hat der langjährige, intensive Gebrauch bereits zur Entstehung natürlicher Resistenz bei Unkraut geführt.

- Haushalt: Glyphosat ist ein weltweit beliebtes Mittel, um auf dem eigenen Grundstück unerwünschte Pflanzen abzutöten.

- Konkurrierende Pflanzen tötet man in der Forstwirtschaft mit Glyphosat ab, bevor eine Fläche wieder aufgeforstet werden kann.

- Sogar in aquatischen Systemen dient Glyphosat der Beseitigung invasiver Arten.

Glyphosat wird auf der ganzen Welt synthetisiert. Davon sind die USA der leitende Hersteller, auch in China findet die Produktion in großem Stil statt. Zwischen 2008 (ca. 600 000 t) und 2012 (etwa 720 000 t) hat die Herstellung des Totalherbizids deutlichen Zuwachs erfahren, nicht zuletzt wegen zunehmender Verwendung transgener Nutzpflanzen. Besonders bekannt ist die Strategie des amerikanischen Agroindustrie-Konzerns Monsanto: er verpflichtet seine Kunden beim Kauf seines genmanipulierten, glyphosatresistenten Saatguts, ebenfalls das von ihm hergestellte glyphosathaltige Spritzmittel Roundup zu erwerben

Glyphosat ist gut wasserlöslich (bis zu 11,6 g Glyphosat pro Liter Wasser). Sowohl in Wasser als unter Einwirkung von Sonnenlicht bleibt Glyphoat chemisch stabil. In verschiedenen Untersuchungen wurde es daher in Luft, Boden, Oberflächengewässer und Grundwasser nachgewiesen. Nach Aufbringen des Herbizids wird es vom Bodensubstrat aufgenommen, wo Bodenbakterien es teilweise in das Stoffwechselprodukt AMPA (=Aminomethylphosphonsäure) umwandeln; diese Stoffwechselprodukte reichern sich in der Umwelt an. Sowohl Glyphosat als auch AMPA können bei Regenfällen ausgewaschen werden oder in noch tiefere Bodenschichten bis zum Grundwasser vordringen. Glyphosat aus bodennaher Luft und der Atmosphäre lässt sich unter anderem im Regenwasser wiederfinden. Des Weiteren besteht für Menschen die Möglichkeit der Aufnahme über die Nahrung: eine Untersuchung von Lebensmitteln in der Europäischen Union im Jahre 2007 ergab, dass in Getreideprodukten nennenswert häufig Glyphosat nachweisbar war (9,5 % der Getreideerzeugnisse). 2013 wurden Urinproben aus der urbanen Bevölkerung 18 europäischer Länder untersucht: im Mittel wurden je etwa 0,2 Mikrogramm Glyphosat sowie AMPA pro Liter Urin nachgewiesen.

Erhebliche Risiken für unsere Umwelt und uns

Die IARC (Internationale Agentur für Krebsforschung, eine Unterorganisation der Weltgesundheitsorganisation) hält ernstzunehmende Gesundheitsschäden durch das Totalherbizid für wahrscheinlich (1, S. 41ff). Diesbezüglich examinierte sie eine Vielzahl von Studien, denn es ist dem hoch frequentierten Einsatz des Gifts geschuldet, dass die Aufnahme kleiner Mengen in unseren Körper (beispielsweise über die Nahrung) unumstößlich ist. Nach oraler Aufnahme glyphosathaltiger Substanzen sind einige Mikrogramm des Herbizids pro Liter Blut nachweisbar. Folgendes Beispiel zeigt die von Glyphosat im Blut ausgehende Gefahr auf: Im Labor isolierten Kulturen (=in vitro-Kulturen) menschlicher Blutzellen wurden Glyphosat und AMPA hinzugefügt, woraufhin es zu Brüchen in der DNS sowie zu größeren Schäden an den Chromosomen kam. Obwohl in den meisten im Bericht der IARC erwähnten Experimenten zu Glyphosat relativ hohe Dosen des Herbizids eingesetzt wurden, gab es auch Versuche mit realistischen, niedrigen Konzentrationen, die bereits ausreichten, um der Erbinformation Schaden zuzufügen. In jedem Fall enthüllen die zurate gezogenen Studien wichtige Hinweise auf karzinogene Eigenschaften von Glyphosat.

Darüber hinaus schädigt das massiv verwendete Totalherbizid die Organismen unserer Ökosysteme gravierend. Wenn ausschließlich Nutzpflanzen auf regelmäßig leergeräumten Flächen wachsen, finden viele Arten weder Nahrung noch ausreichend Schutz (2). Somit ist Glyphosat ein wichtiger Faktor, welcher zum alarmierenden Rückgang der Artenvielfalt beiträgt. Zudem geht ebenso wie für uns für Tiere direkte Gefahr von Glyphosat aus, wenn das Gift ihre Zellen auf molekularer Ebene schädigt (1).

Wichtige Behörden weisen Kritik an Glyphosat von der Hand

Aus Sicht des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR, Deutschland) jedoch sind die von der IARC dargelegten Hinweise auf das von Glyphosat ausgehende Krebsrisiko nicht stichhaltig genug (3). Primär kritisiert es zu vage Aussagen wie „eingeschränkte Beweise für die Karzinogenität von Glyphosat“ mancher von der IARC angeführten Studien; weiterhin habe man in den epidemiologischen Studien oft kein reines Glyphosat, sondern handelsübliche glyphosathaltige Gemische getestet, sodass schädliche Wirkungen ebenso von den übrigen Substanzen herrühren könnten (3).

Weitere Behörden der EU wie zum Beispiel die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) teilen die Ansicht, Glyphosat berge für Menschen keinerlei Gefahren (4). Andererseits befürchten manche, die Efsa ließe sich in ihren Entscheidungen von Interessen der Industrie beeinflussen (4).

Unter anderem kritisieren Politiker des Europaparlaments wie Martin Häusling (Grüne), eine ausgewogene Abstimmung über Glyphosat in der EU könne jetzt noch nicht stattfinden, da noch nicht alle Bewertungen vorlägen (5).

Zeit, ein gefährliches Umweltgift zu verbieten

Mit der anstehenden Abstimmung für oder gegen Glyphosat geht eine große Verantwortung für Gesundheit und Umwelt einher. Das Ergebnis soll sich nicht an den Interessen der Agroindustrie orientieren, sondern dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Daher gibt es nur eine Alternative: die weitere exzessive Verwendung von Glyphosat muss unterbunden werden.

Selbst wenn die Ansicht des BfR sowie anderer Behörden zuträfe, bleiben die gravierenden Auswirkungen auf Natur und Artenvielfalt unbestritten. Darüber hinaus wurde vom BfR argumentiert, die übrigen Verbindungen handelsüblicher Glyphosatgemische seien eventuell für die Egebnisse vieler Studien verantwortlich, nicht aber reines Glyphosat. Doch dies entkräftet keinesfalls die Forderung des Glyphosat-Verbots, sondern spricht dafür, die handelsüblichen Mischungen aus den Regalen zu entfernen. Meist aber entfaltet Glyphosat ohne begleitende Substanzen und Giftmischungen nur unzureichende Wirkung! Wie nützlich wäre das Totalherbizid also ohne die potentiell schädlichen Begleitsubstanzen? Es wäre nunmehr ein entbehrliches Herbizid.

 

Quellen

  1. IARC, 12.11.2015: „Glyphosate“ http://monographs.iarc.fr/ENG/Monographs/vol112/mono112-09.pdf (detaillierte Informationen über die Eigenschaften und Gesundheitsrisiken von Glyphosat in englischer Sprache)

  2. Greenpeace: „Monopole durch Patente“ http://www.greenpeace.de/themen/landwirtschaft/patente/monopole-durch-pa...

  3. Greenpeace, 30.07.2015: „Umstrittenes Pestizid Glyphosat, wahrscheinlich krebserregend‘. Gift auch offiziell gefährlich“ http://www.greenpeace.de/themen/landwirtschaft/pestizide/gift-auch-offiz...

  4. Bundesinstitut für Risikobewertung, 22.09.2015: „BfR hat die epidemiologischen Studien zu Glyphosat umfassend geprüft“

  5. n-tv.de: „Wichtigstes Ackergift der Welt: EU stimmt über Glyphosat ab“ http://www.n-tv.de/wirtschaft/EU-stimmt-ueber-Glyphosat-ab-article17154046.html

  6. Donaukurier, 7.03.2016: „Abgeordneter fordert Verschiebung von Glyphosat-Abstimmung“ http://www.donaukurier.de/nachrichten/wirtschaft/Deutschland-EU-Agrar-Ch...

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