"Shared Space" in Osnabrück?

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Aufgrund steigender Konflikte zwischen Fußgängern, Autos und Fahrradfahrern ist es angebracht über eine alternative Verkehrsplanung nachzudenken. Gerade hier in Osnabrück, wo die Anzahl der jährlich in Unfällen getöteten Fahrradfahrer proportional gesehen höher ist als die im 20 mal so großen Berlin. Ein Konzept, das für Abhilfe sorgen könnte, ist "Shared Space": Alle Verkehrsschilder werden abgebaut. Es gibt keine Ampeln und keine Bürgersteige oder Fahrradwege. In Bohmte ist "Shared Space" bereits Realität.

(Osnabrück/Bohmte, 24.02.2017) Jeder Verkehrsteilnehmer ist in diesem Raum gleichberechtigt. Die Auswirkung ist, dass alle Verkehrsteilnehmer aufeinander achten und Rücksicht nehmen, statt sich auf die trügerische Sicherheit von Schildern und Ampeln zu verlassen. Unfälle wie der an der Ampel Hansastraße Ecke Bramscher Straße, bei der eine Radfahrerin von einer Autofahrerin überfahren wurde, weil die Autofahrerin sich auf die Schilder konzentriert und so die Ampel übersehen hatte, ließen sich so vermeiden. Gerade erst ereignete sich in Bohmte ein ähnlicher Unfall: Eine Frau war außerhalb des Shared Space-Bereichs über einen Zebrastreifen gegangen und von einem Auto erfasst worden, weil der Fahrer des Autos die Fußgängerin bei Dunkelheit und Regen nicht gesehen hatte. Lebendige öffentliche Räume mit hoher Aufenthaltsqualität machen Städte erst lebenswert. „Shared Space“ ist eine Planungsphilosophie, mit der sich vielfältige Nutzungsansprüche an den Straßenraum besser vereinen lassen. Sie wurde in den Niederlanden entwickelt und dient der Verkehrsberuhigung durch eine andersartige Verkehrsraumgestaltung, die auf der Gleichberechtigung aller Verkehrsteilnehmer beruht.

Jede/r achtet auf Jede/n

Das kann doch nicht funktionieren, wird manch einer denken. Doch! Das zeigt das Beispiel in Bohmte. "Wir haben die Landesstraße 81 mit 12.000 Kraftfahrzeugen am Tag und davon fast 1000 LKW´s," so der Bürgermeister Klaus Goedejohann im Gespräch mit der Greenpeace Gruppe Osnabrück. "Unfälle durch die "Shared-Space" Zone haben wir kaum." Am Anfang waren die Laternenpfähle, die so aufgestellt wurden, dass sie die Breite des für den Autoverkehr zur Verfügung stehenden Raum verringerten, Ursache für einige Blechschäden. Goedejohann: "Wenn sechs Autos im Jahr vor einen Laternenpfahl fahren, ist das akzeptabel," Die Praxis zeigt, dass das durchaus zukunftsfähig sei. Goedejohann: "Erst vor wenigen Tagen ist eine Fußgängerin an einem Zebrastreifen hier in Bohmte überfahren worden, da die Fußgängerin sich darauf verlassen hat, dass die anderen Verkehrsteilnehmer sie schon sehen." Nach dem Shared-Space Prinzip muss der Fußgänger schauen, wann er über die Straße gehen kann, ohne dabei sich oder andere zu gefährden, Dialog ist das Prinzip.

Goedejohann führt weiter aus, dass die Durchschnittsgeschwindigkeit in Bohmte bei 37 km/h liegt. Das läge daran, dass jeder Verkehrsteilnehmer sich erst einmal orientieren müsste, und nicht einfach nach dem Motto "Die Schilder werden mir schon sagen, was ich zu tun und zu lassen habe" aus Unachtsamkeit andere Verkehrsteilnehmer übersieht. Vor Einführung der Shared-Space Zone sind die Autos deutlich schneller durch die Straße gefahren. Es sei nach wie vor 50 km/h erlaubt. Die meisten fahren aber deutlich weniger. Wo und wie wäre "Shared Space" in Osnabrück denkbar? "Wir denken da speziell an die Hasestraße und die Lotter Straße und sämtliche Anliegerstraßen," so Jan Wichmann, Mitglied des Arbeitskreises Mobilität in der Greenpeace Gruppe Osnabrück. Wichmann: "Wir streben langfristig eine nahezu autofreie Stadt an und da wäre das Prinzip grundsätzlich an allen Straßen denkbar. Doch davon sind wir leider noch weit entfernt." Für Außenstehende wirke das wahrscheinlich alles total verrückt. Herr Goedejohann erzählte uns von einer Diskussion zwischen Fahrlehrern über das "Shared-Space"-Prinzip. Auch da sind die Meinungen gespalten. Klar ist nur eins: "So wie der Verkehr jetzt gerade läuft, kann es nicht weitergehen," findet Tabea Casimir, ebenfalls in der Greenpeace Gruppe aktiv. "Schon jetzt ist der  Jahresmittelwert der Stickoxide in Osnabrück wieder überschritten," erklärt Johannes Wriske, Gruppenkoordinator in der Greenpeace Gruppe Osnabrück weiter. Wriske: "Wenn wir nicht schnell handeln, droht uns ein Vertragsverletzungsverfahren und eine damit verbundene Strafzahlung an die EU!"

Zukunft der städtischen Mobilität

"Seit 2010 haben die Städte und Kommunen Zeit gehabt um dafür zu sorgen, dass die Grenzwerte sinken. Geschehen ist bisher so gut wie nichts," so Jan Wichmann. Was, wenn nur ein Bürger klagt? Wie will die Politik dann den Bürgern erklären, dass sehr kurzfristig Fahrverbote folgen? Oder dass der ÖPNV nicht dafür ausgebaut ist, die zusätzlichen Fahrgäste aus dem schlagartigen Wegfall des MIV´s (motorisierter Individualverkehr) zu transportieren? Der ÖPNV ist schon jetzt an der Belastungsgrenze und sollte dringend ausgebaut werden. Die öffentlichen Verkehrsmittel müssen attraktiver werden, damit das Auto auch mal stehen gelassen wird. Wichmann: "Grundsätzlich halten wir das P+R System für sehr sinnvoll. Es könnte einzelne Buslinien geben, die sogar kostenlos wären." So sei es möglich, dass die PKW's am Rand der Stadt abgestellt werden und man mit dem Bus jeden Ort in der Stadt problemlos und bequem erreichen kann. Natürlich bedarf es auch der Attraktivitätssteigerung des Radfahrens in Osnabrück. Denn das Fahrrad ist schließlich das umweltfreundlichste Verkehrsmittel. Da kann man sich ein Beispiel an Münster nehmen. Besser noch gleich an Amsterdam oder Kopenhagen. Grundsätzlich fängt jedoch die Verkehrswende bei jedem einzelnen von uns an! "Wenn Wege von 3-5 km mit dem Auto zurückgelegt werden, dann läuft irgendetwas falsch. Es ist also Jeder angehalten, sein eigenes Verhalten zu überdenken," so abschließend Tabea Casimir.

Kontakt: Jan Wichmann, Bramscher Straße 50, 49088 Osnabrück
Tel: 0541/94538390
Mobil: 0178/4034610

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